Liebenau, Pulverfabrik

  • Objektname: Eibia Pulverfabrik Anlage Karl
  • Ortslage/LK: Liebenau, LK Nienburg, Niedersachsen
  • Koordinaten: N 52.60481, E 9.03064
  • Nutzung:        1939 – heute
          • 1939 – 1945 (Wehrmacht)
          • 1945 – 1990 (Besatzungsmächte)
          • 1990 – heute (IVG)
  • Aufgaben / Herstellung:
          • Ringpulver, Blättchenpulver, Röhrenpulver
          • NC – Nitrocellulose, NC – Nitroglitzerin
          • Lagerung der hergestellten Stoffe, Versuche
  • Infrastruktur / Ausrüstung:
          • 400 Gebäude (280 oberirdisch, 104 in Erdwällen, 21 unterirdisch)
          • 3 Kraftwerke (2 Kohlekraftwerk, 1 Reservekraftwerk)
          • 200 Kilometer Kabelleitungen für Srom und Licht
          • mehrere Kohlenbunker, Fassungsvermögen von 30.000 t
          • 70 Wasserbrunnen im Auetal
          • 2 Pumpwerke mit Filteranlage (Leistung ca. 2500 qm/Stunde)
          • 84 Kilometer Betonstraßen
          • 80 Elektrokarren
          • 42 Kilometer Eisenbahngleise
          • 6 Lokomotiven (2 Dampf-, 2 Diesel-, 2 feuerlose Pressdampfloks)
  • Zugehörig:     Weserhafen Liebenau, Kaianlage, Ladekränen, Gleisanschluss
  • Arbeitslager: Arbeiterlager Steinlager, (Männer)
  • Ist-Zustand:  Das Gelände ist im Besitz der IVG.
          • Das Betreten des gesamten Bereiches ist nicht möglich
          • Führungen sind möglich: www.steyerberg.de
  • Recherchen:  2013               Exkursion: 26.10.2013
  • Fundstellen: martinguse.de

Lage

Kartenauszug OSM

Eins vorweg: Ich möchte hier nicht das Rad neu erfinden und eine Dokumentation über die Pulverfabrik Liebenau ins Leben rufen. Hierzu gibt es bereits ausführliche Abhandlungen im Internet und Buchhandel (Links siehe Quellenangaben). Neben der Basisgeschichte über die Pulverfabrik Anlage Karl mit allen Haupt- und Nebendarstellern sollen Berichte aus eigenen Fundsachen wie lokale Medien, Besichtigungen  und Gespräche mit Zeitzeugen das Thema abrunden.

Wolff & Co. Walsrode

Etwa im Sommer 1939 begann die Firma Wolff & Co. aus Walsrode in der Eickhofer Heide zwischen den Ortschaften  Liebenau, Mainsche und Steyerberg mit dem Bau der Pulverfabrik „Anlage Karl“. Die fast ein Jahrhundert lang als Wolff & Co. firmierende Fabrik war aus einer 1815 gegründeten Pulverfabrik hervorgegangen und einer der ältesten und größten Chemiestandorte Niedersachsens.

Kartenausschnitt TOP 50 – Ausgabe 31.12.2009 – LGLNLGN 31.12.2009

Montan G.m.b.H.

Die Anlage wurde nach Fertigstellung im Jahre 1943 an die Montan GmbH übergeben. Sie war Namensgeber für verschleierte staatliche Interventionen des Dritten Reiches in die deutsche Rüstungs-industrie. Es wurden auf einer Fläche von ca. 12 km² etwa 360 Gebäude errichtet, wovon 104 Gebäude in Erdwällen und 21 Gebäude unterirdisch waren.

Die Gebäude waren mit Betonstraßen (84 km) und Eisenbahngleise (42 km) miteinander verbunden. Hier kamen 80 Elektrokarren, sowie eine eigene Werkbahn zum Einsatz.

Lageplan mit den Gebäuden und den Verkehrswegen Straße / Bahn

EIBIA G.m.b.H.

Pächterin der gesamten Anlage wurde die Firma EIBIA GmbH für chemische Produkte. Sie war ein deutsches Chemie- und Rüstungsunternehmen, das in Bomlitz in der südwestlichen Lüneburger Heide ansässig war. Es entwickelte sich von 1938 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges mit fünf Produktionsanlagen an drei Standorten zum größten Pulverproduzenten des Deutschen Reiches. Die Firma EIBIA G.m.b.H. produzierte in diesen Standorten im Autrage des damaligen Oberkommandos des Heeres (OKH) verschiedene Pulvergrundstoffe, Pulver und Raketentreibsätze.

Deutsche Reichsbahn

Die Eisenbahnstrecke 1743, Nienburg (Weser) – Rahden (Westf) wurde bereits am 15. Januar 1910 eröffnet. Die eingleisige Nebenbahn führte im Süden um das Gebiet der Eickhofer Heide herum.

Anbindungen mit Verladeeinrichtungen an die Eisenbahn bestand mit den Bahnhöfen Steyerberg und Liebenau (Han) sowie im Haltepunkt Wellie. Vom Bahnhof Liebenau, sowie für den eigens für die Anlage gebauten Weserhafen Liebenau wurden aufwendige Anschlussgleise in die Pulverfabrik verlegt.

Der Gleisanschluß war so ausgelegt, dass die Übergabezüge nach Verladung vom Werk aus in den Bahnhof bzw. vom Hafen direkt in die Anlage fahren konnten. Die Anlage wurde durch ein eigenes Kohlekraftwerk mit Strom versorgt. Die Kohleversorgung erfolgte über den Hafen.

In dem Werk spielte das Transportwesen eine wichtige Rolle. Die Länge der betonierten Straßen betrug in etwa 84 km. Auf ihnen fuhren 80 Elektrokarren mit Anhängern. Ein Eisenbahnnetz verband die einzelnen Abteilungen untereinander, sowie mit dem Hafen und dem Bahnhof Liebenau.

Eisenbahnbrücke Stolzenauer StraßeDie Gleislänge im Werk betrug 42 km. Zwei Dampf-, zwei Diesel- und zwei feuerlose Pressdampflokomotiven waren im Werk fest stationiert. Die Pressdampfloks wurden aus den im Werk vorhanden Kraftwerken mit Dampf versorgt und konnten ohne Feuer in besonders gefährdeten Stelle eingesetzt werden.

Lageplan mit dem Gleisverlauf in der ehemaligen Anlage Karl in Liebenau.

Brückenbauwerk des Anschlussgleises über die Große Aue

Produktion

Bereits im Jahre 1941 begann die Eibia in den fertiggestellten Anlagen mit der Produlktion von Ring-, Blättchen- und Röhrenpulvern. Im Jahre 1943 war das Werk komplett fertig gestellt. Neben der Produktion der unterschiedlichsten Sprengstoffarten wurden zudem auf dem Gelände verschiedene Prüfstände für Raketenmotoren errichtet. Bis in das Jahr 1945 belief sich die Gesamtproduktion in Liebenau auf weit über 40.000 Tonnen Pulver.

Fremd- und Zwangsarbeiter

Jacob_Löwenstein_1873-1940,_Holocaust_victim_Arbeitslager_Liebenau,_Stolperstein_Celle_Zöllnerstraße_44 by Bernd_Schwabe_WikipediaWie in fast allen Rüstungsbetrieben des NS-Regiemes gingen auch hier die Tragödien und Leiden eingesetzter Fremd- und Zwangsarbeiter nicht vorbei. In der Anlage wurden etwa 2800 Arbeitskräfte eingesetzt, wovon der Großteil Fremd- und Zwangs-arbeiter waren. Das Stammpersonal bestand aus etwa 200 Deutschen, die in Führungs- und Schlüsselpositionen einge-setzt waren.

Die Arbeitskräfte wurden in den eigens hierfür errichteten Lagern Stein I und Stein II untergebracht. Etwa 2.000 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, die dort zu Tode kamen, wurden in der Kriegsgräberstätte Deblinghausen bei Steyerberg bestattet. Für weitere Informationen: Dokumentationsstelle Pulverfabrik.

Arbeitserziehungslager Liebenau (1940 – 1943)

Die Geheime Staatspolizei (Gestapo) richtete im Jahr 1940 in Liebenau, Landkreis Nienburg ein Arbeitserziehungslager (AEL) ein. Dieses Lager war einer der ersten Haftstätten dieser Art im Deutschen Reich. Es wurden hier tausende von Menschen verschiedener Nationen, vorwiegend aber aus den besetzten polnischen und russischen Gebieten inhaftiert, die als Zwangs- oder Fremdarbeiter die vom Regime geforderte Arbeitsleistung nicht erbracht haben. Die inhaftierten Menschen wurden von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) schikaniert und misshandelt. Hinzu kamen schlechte Arbeits-und Lebensbedingungen, sowie unzureichende Versorgung in der Ernährung und Bekleidung. Mindestens 245 inhaftierte Menschen kamen in dem Lager Liebenau ums Leben.

Gedenktafel LiebenauEine Gedenktafel an der St. Laurentius-Schule erinnert hier an die unmenschliche Einrichtung und deren Opfer.

Zustand nach 1945

Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde zunächst von der Dynamit Nobel, später von der holländischen Eurometaal bis 1994 auf dem Eibia-Gelände in Liebenau Munition produziert. Die Anlagen zwischen Liebenau und Steyerberg sind auch heute noch größtenteils Sperrgebiet. Auch sie wurden zunächst als Reparationsleistung demontiert, jedoch nicht wie die sonstigen Eibia-Werke zerstört, da die Briten schon begonnen hatten, hier das seinerzeit größte Munitionslager in Deutschland einzurichten. Nachdem das Gelände 1951 an die IVG übergegangen war, wurde die Anlage an das deutsche und britische Militär, sowie vorwiegend an Rüstungsunternehmen verpachtet. 1957 produzierten dort die Verwert-Chemie 2, die Liebenau-Chemie GmbH und die Liebenauer Metall-GmbH (alle zu Dynamit Nobel gehörend). Noch Anfang der 1960er Jahre war die Pulverfabrik in Liebenau die größte in ganz Westdeutschland.

Eurometaal, Holland

Nach Jahren starken Produktionsrückgangs (1962 zusammen rund 2500 Arbeitsplätze, 1974 noch rund 500 Arbeitsplätze) übernahm die niederländische Firma Eurometaal im Jahr 1977 die Anlagen und produzierte an diesem Standort, bis sie 1994 die Anlagen zur Granatenherstellung in die Niederlande verlagerte (begründet mit dem Verbot des Bundessicherheitsrats, Granaten in die Türkei zu exportieren).

Sondermuntionslager Liebenau und 5./RakArtBtl 12

Am 13.03.1959 wurde als erstes Raketen-artilleriebataillon der Bundeswehr das Artilleriebataillon 140 aufgestellt. Diese Einheit unterstand der 1. Panzerdivision in Hannover und ihr Heimatstandort war die Clausewitz-Kaserne in Langendamm. Im Oktober 1964 wurde die Einheit in Raketenartilleriebataillon 12 (RakArtBtl 12) umbenannt.

Das Waffensystem dieser Einheit war das Raketensystem „Hornest John“ dessen 1. Gefechtsstart am 04.12.1959 erfolgte. Dieses System war Träger für atomare Gefechtsköpfe, die im Sondermunitions-lager Liebenau gelagert und durch die Begleitbatterie 5./RakArtBtl 12 bewacht wurden. 1971 erhielten die 3. und 4. Batterie das Waffensystem MARS 110 SF.

Diese Batterie erhielt im Norden der ehe-maligen Pulverfabrik ihre Unterkünfte. Das Areal war als Lager Mainsche bekannt und es war eine Kaserne im Kleinformat. Von dieser Kaserne sind heute nur noch das Wachgebäude, sowie eine Halle im ehe-maligen technischen Bereich erhalten.

Das Atomwaffendepot stand unter Aufsicht des 32nd US Army Field Artillery Detache-ment in Langendamm und unterstnd der 59th Ordonanc Brigade. Mit Auflösung des Sondermunitionslagers Liebenau und dem Abzug aller Nuklearwaffen aus Europa  im Jahre 1993 wurde diese Einheit aufgelöst.

Heutiger Zustand

Heute liegt das 12 Quadratkilometer große Areal der ehemaligen Eibia weitgehend brach und kann noch immer nicht ohne Erlaubnis betreten werden. Das Anschluss-gleis vom Bahnhof Liebenau wird durch Güterzüge der F. Oxxynova und Holztrans-porte der IVG genutzt.  Die Züge fahren weiter nach Nienburg Weser. Die Strecke von Liebenau nach Uchte ist stillgelegt.

Als Wohnsiedlungen erhalten sind lediglich die Lager Stein I und Stein II. Das Schloss Eickhof (ehemalige Verwaltung) ist als Zen-Kloster genutzt, die Grünanlagen sind zu japanischen Gärten umgestaltet worden.

Quellenangaben

  1. Wikipedia – EIBIA GmbH für chemische Produkte
  2. Günter Mootz – 100 Jahre Eisenbahnstrecke Nienburg – Uchte – Rahden
  3. Deutsche Verwaltungsgeschichte – Ortsbuch 1871-1990, Dr. Rademacher
  4. Anlage Karl – Relikte.com
  5. Karl-Heinz Stüring – www.stuering.de
  6. Dokumentationsstelle Pulverfabrik – Pulverfabrik Liebenau
  7. Raketenartilleriebataillon 12 – RakArtBat 12
  8. Eickhofer Heide Liebenau – 5./RakArtBtl 12
  9. Reichskarte 1898 – David Rumsey Map Collection
  10. TK 3320/3420 (Ausgabe 1936-45) – German Maps – Harold B. Lee Library
  11. OpenStreetMapp Deutschland –  OpenStreetMap.de
  12. Bildmaterial – Gerhard Kulawenski, Bundesarchiv, Wikipedia

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